Die Weimarer Republik war der Aufbruch in eine Kinokultur, die Europa verändern hätte können. Meisterwerke wie Nosferatu und Metropolis entstanden damals, aber die Nazi-Herrschaft und der Zweite Weltkrieg beendeten diese kulturelle Epoche jäh. Dabei hatte der Film in der Weimarer Zeit das Unheil schon vorausgesehen. Der Filmkritiker und Dokumentarfilmer Rüdiger Suchsland hat in mühevoller Recherchearbeit die Filmwirtschaft der Weimarer Republik untersucht und zu einem filmischen Mosaik verarbeitet.

Von Caligari zu Hitler zeichnet den Weg von der Weimarer Republik bis zur Herrschaft der Nazis nach. Der Film ist aber nicht auf die klare Aussage reduziert, das Kino habe den Zweiten Weltkrieg vorausgesehen. Welche Nachricht wolltest Du vermitteln?

Suchsland: Mein Ziel ist es, die Vielgestaltigkeit des Weimarer Kinos herauszuarbeiten. Schlicht gesagt ist das Kino der Weimarer Republik ein Kino, das durch die Erfahrungen des Kaiserreiches mit seinem Ständestaat und Dreikassenwahlrecht geprägt ist, aber auch durch die Weltkriegserfahrung mit ihren Traumata. Das führte zu einer Desillusionierung der heroischen Modernitätsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Der Optimismus und Fortschrittsglauben wandelte sich zu einem Bild, das etwa in der expressionistischen Kunst den Menschen als zerschmettert und zerrissen darstellt.

Ich denke, eine klare Aussage ist, dass Weimar nicht nur eine Vorgeschichte von Hitler war. Die Zeit hat eine eigene Existenzberechtigung. Deutschland war damals so modern wie vielleicht nie wieder. Das Grundgesetz der heutigen Bundesrepublik ist eine weitaus konservativere Verfassung als die der Weimarer Republik. Da muss man nur mal auf die sozialen Aspekte und die Frauenrechte blicken.

 

Der Film orientiert sich an den Gedanken des Filmtheoretikers und Philosophen Siegfried Kracauer. Wie hat er den Film inspiriert?

Er sieht in Weimar viele positive Elemente, die Befreiung von gesellschaftlichen Schichten zum Beispiel. Auf der anderen Seite erkennt er genau darin wieder neue Bedrohungen: Etwas Gutes passiert, aber es erzeugt sein Gegenteil. Damals erschien das Buch Die Psychologie der Massen von Gustave Le Bon. Hitler hat es angeblich auch gelesen. Vorher war der König auch der Steuermann des Volkes, aber in einer Demokratie kann man das Volk nur auf andere Arten steuern, über Massenmedien, Propaganda und Rhetorik. Darüber denkt Kracauer nach und konstatiert eine Widersprüchlichkeit.

 

Eine Widersprüchlichkeit gibt es auch zwischen dem hohen historischen und gesellschaftlichen Wert, den wir den frühen Filmen heute zuweisen und dem Anspruch, den die Filme damals hatten: zu unterhalten.

Kracauer hat sich auch für das interessiert, was man heute Popkultur nennt. Damals waren das die Elemente, die von der Hochkultur verdrängt wurden. Das Kino galt seinerzeit als Kunst für den Jahrmarkt. In der Literatur gab es solche schrecklichen Sachen wie Horror nicht. Ja, bei Macbeth tauchen auch Geister auf, aber Bram Stokers Romane galten als B-Romane. Kracauer war wegen seines Interesses für das Kino immer ein Außenseiter in den Frankfurter Intellektuellenkreisen. Anders als Adorno, der aber doch ziemlich oft ins Kino gegangen ist, dafür, dass er es so scheiße fand.

Ich glaube, dass unser Blick auf das Weimarer Kino von der Kluft zwischen E- und U-Filmen geprägt ist, zwischen Unterhaltungs- und Autorenfilmen, als ob das Weimarer Kino nur aus dieser Hochkultur bestünde. Man kann darüber streiten, wie hochkulturell Nosferatu oder Metropolis wirklich sind. Ich glaube, dass diese Filme allesamt Hochkultur sind, weil dazu alles gehört, was von besonderem Wert ist. Ich habe versucht, diesen Wert auch in den Filmen zu zeigen, die auf die breite Masse zielen. Aber diese Kluft zwischen Ernst und Unterhaltung gibt es noch heute: zum Beispiel bei Christian Petzold, der in Gespenst zwar Murnau zitiert, aber in seinem Film kein einziges Gespenst auftreten lässt.

 

Eine wichtige Rolle spielt in Deiner Doku die Musik. Die klingt oft nicht nach zeitgenössischer Musik, sondern sehr modern. Hast Du mit Originalmusik gearbeitet?

Es ist so, dass man manchmal nicht weiß, welche Musik im Original zu einem Stummfilm gespielt wurde. Dann gibt es oft eine Musik, die in einer heutigen restaurierten Filmfassung von einem großen Orchester eingespielt wird. Die entspricht der fetten Premierenmusik von den Nibelungen oder Metropolis. Aber im Kino wurde sie so fast nie gespielt. Dort saß ein Klavierspieler, der nur dort war, weil er aus der Kunstakademie rausgeflogen ist. Im besten Falle hat er etwas aus einem Notenheft geklimpert. Und die besseren Leute hatten noch eine Violine, die sie mit einer Hand betätigt haben – mit der anderen mussten sie ja das Klavier bespielen. Das heißt aber auch: Jede Vorstellung war anders und es gibt nicht die echte Fassung einer Filmmusik. Deshalb hat man beim Stummfilm die Chance, völlig frei mit der Musik umzugehen. Ich habe versucht, den Charakter des Alten zu erhalten, die Stücke aber für unsere Hörgewohnheiten etwas zu beschleunigen. Wir halten die Langsamkeit der Weimarer Zeit nicht mehr aus.

 

Viele Regisseure, Schauspieler und Filmemacher sind vor dem Zweiten Weltkrieg emigriert und nie mehr zurückgekommen. Wie sähe unsere Kinolandschaft aus, wenn sie geblieben wären?

Wir hätten eine völlig andere Filmindustrie in Europa. Der Faschismus und der Kapitalismus haben sich da gegenseitig in die Hände gespielt. Wir sollten nicht vergessen, dass schon vor dem Faschismus viele Filmemacher nach Amerika gegangen sind. Michael Curtis war ein Ungar, Hitchcock war Brite. Die kapitalistische Sogwirkung Hollywoods sollte man nicht unterschätzen. Insofern ist das, was an Hollywood-Imperialismus nach Europa zurückkommt, eigentlich auch ein Stück europäische Kultur.

Aber ich glaube, wenn die Filmemacher hiergeblieben wären, hätten wir diese unglückliche Unterscheidung zwischen E- und U-Filmen nicht. Es wäre eher eine Versöhnung der beiden Gattungen, wie sie in der Weimarer Republik praktiziert wurde. Europa hat sich, weil es industriell nicht mit Hollywood mithalten konnte, in den Autorenfilm geflüchtet. Aber auch der Autorenfilm ist dann am stärksten, wenn er nicht amerikafeindlich ist. Godard macht bessere Autorenfilme als manche deutschen Regisseure, weil er die populären Filme von John Ford kennt. Und Tarantino macht bessere Filme als irgendwelche Superheldenregisseure aus Hollywood, weil er die Filme von Godard kennt.

 

Gibt es also kein schlechtes Kino?

Ich bin nicht gegen Unterhaltung, wenn ich sage, Fack ju Göhte ist ein schlechter Film, obwohl er Erfolg hat. Ich muss nicht für oder gegen Unterhaltung sein, für oder gegen deutsche Filme. Ich muss auch nicht für Christian-Petzold-Filme sein, nur weil er ein intelligenter Typ ist. Ich mag intelligente Typen und der ist auch nett, aber deshalb muss ich seine Filme nicht mögen. Wir verschanzen uns in Schützengräben, wenn wir sagen, ich gehöre zum Petzold-Lager oder zum Spielberg-Lager. Aber das ist Blödsinn.


Rüdiger Suchsland ist Kulturkritiker, Journalist und „cultural activist“, was auch immer man sich darunter im Detail vorstellen mag. Mit Von Caligari zu Hitler liefert er sein Dokumentarfilmdebüt ab.

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