Attentate, radikale Linke, repressiver Staat. Italien/Chile, 1970er-Jahre.
Viel braucht es nicht, um Erwartungen zu wecken, eine kurze Beschreibung des Filminhalts von Il cileno reicht: Aldo Marín (Camilo Arancibia), ein junger Minenarbeiter aus Chile, flieht nach Italien. In seiner Heimat war er in der Protestbewegung gegen die Diktatur von Augusto Pinochet aktiv, die sich wenige Jahre zuvor an die Macht geputscht und den sozialutopistischen Präsidenten Salvador Allende in den Selbstmord getrieben hatte.
In Chile hinterlässt Aldo seine Partnerin und sein neugeborenes Kind – in der Hoffnung, sie später nachholen zu können. In Italien läuft es aber auch nicht besonders. Aldo schlägt sich mit einem Fabrikjob in Turin durch. Als Aldo an seinem Arbeitsplatz eine Bombe entdeckt und dank seiner Kenntnisse aus den chilenischen Minen über Sprengstoff entschärft, nimmt sein neues Leben eine unerwartete, fatale Wendung.
Filme vergleichen ist immer so eine Sache (“Eine Mischung aus Scorsese und Claire Denis…”) und meistens scheiße, weil es Erwartungen schürt, ohne dem beworbenen Werk eine eigene künstlerische Leistung zuzusprechen. Aber einiges erinnerte dann doch an eines der interessantesten Genres der Filmgeschichte: den politischen Film der 60er- und 70er-Jahre. An Costa-Gavras. An Elio Petri. An Ettore Scola. An Yves Boisset. Aber auch an Pablo Larraín und Alberto Rodríguez, die dem Sujet einen flotten Retro-Anstrich gaben.
Regisseur Sergio Castro San Martín bedient sich einwandfreier, vielleicht zu einwandfreier Teal&Organge-Optik, um die 70er-Jahre in Italien heraufzubeschwören. Hauptdarsteller Camilo Arancibia spielt den getriebenen, zerriebenen Aldo einwandfrei, der restliche Cast ist solide. Was fehlt, sind die Zwischentöne, humoristisch, politisch, persönlich, die die anderen zitierten Filmemacher zur Perfektion inszeniert haben.
Die schlechten Kritiken hat Il cileno dennoch nicht verdient. Der Film leistet sich keine Längen, ist vom ersten Moment an spannend. Er erzählt über eine vergessene Episode der politisch aufgeladenen 70er-Jahre, die der Auswanderer, jener, die vor dem Regime auf einen anderen Kontinent fliehen konnten und sich dennoch wieder in einer ruhelosen, zum Äußersten bereiten Gesellschaft Welt wiederfanden.
Erst kommen die Orte, dann die Geschichten, hat Filmemacher San Martín einmal gesagt. Der Ort ist in diesem Fall das Exil, die Geschichte eine lose Adaption der Biographie des realen Aldo Marín, aufgeschrieben von Juan Cristóbal Guarello unter dem Titel Aldo Marín: Carne de cañon (zu Deutsch: Kanonenfutter) und bisher nicht auf Deutsch erschienen. Ob den Film das gleiche Schicksal ereilt, ist noch nicht bekannt. Im Sinne einer politischen Aufklärung wäre es aber nicht wünschenswert.
Dramaturgie: o
Sex: o
Bilder: +
Story: o
Musik: o
Schauspiel: +
Durchblick: o